
Ich male, um zu verstehen. Und aus Gründen, die ich noch entdecke.
Bio
Assunta Cassa ist eine italienische zeitgenössische Malerin. Sie lebt und arbeitet in San Benedetto del Tronto – Italien. Ihre Praxis konzentriert sich auf das Pixel pittorico — ihre originale bildnerische Sprache, aufgebaut aus Farbfragmenten, die mit dem Malmesser aufgetragen werden.
Ihre Werke wurden in zahlreichen nationalen und internationalen Kontexten ausgestellt, darunter Ausstellungen in Italien, Frankreich, Japan und der Slowakei. Ihre Gemälde befinden sich in Privatsammlungen in Europa und den Vereinigten Staaten.
Sie schuf das Cover-Artwork für Metaphors, ein Album des amerikanischen Bassisten Alphonso Johnson, das sich heute in seiner Privatsammlung befindet. Ihr Werk Malala. Stronger than Fear ist Teil der permanenten öffentlichen Installation Arte del Dialogo – Agorà in Pieve di Cadore, Italien.
Statement
Ich bin im Süden Italiens aufgewachsen, in einer Familie, in der Zuneigung eher durch Pflicht als durch Anerkennung ausgedrückt wurde. In diesem soliden und zugleich engen, starren Raum nahm ein Freiheitsbedürfnis Gestalt an — still und beharrlich. Ich suchte mich selbst, indem ich in andere Städte entlang der Adriaküste zog, durch Studium, Arbeit und sogar Politik, oft innerhalb von Strukturen, die der ähnelten, die ich verlassen hatte. Mit vierzig Jahren trat die Malerei als Notwendigkeit in mein Leben und erweckte einen Kindheitstraum wieder zum Leben.

Assunta Cassa, Dancity, 60×170, 2020
Mit der Zeit habe ich verstanden, dass Freiheit nicht die Abwesenheit von Regeln ist, sondern eine komplexe innere Struktur — eng verbunden mit dem Bewusstsein für sich selbst und die Welt, in der wir leben. Sie wird in einem selbst entdeckt — durch das Abtragen von Schichten, das Hinterfragen erworbener Wahrheiten, das Akzeptieren von Widersprüchen. Jahre der Buchführung, europäischer Förderprojekte und Budgetplanung hatten mich bereits gelehrt, dass Strenge und kreative Freiheit keine Gegensätze sind — sie brauchen einander. In dieser Spannung ist meine Forschung entstanden.
Meine Sprache ist das Pixel pittorico: Farbfragmente, mit dem Malmesser aufgetragen, ein Raster, das das Bild in einer einzigen Geste zerlegt und neu zusammensetzt. Die Geste ist körperlich, entschlossen, materiell — und zugleich subtil. Ordnung und Chaos koexistieren. Die Figuren enthüllen sich durch die Fragmentierung in einem nie stabilen Gleichgewicht, so wie Freiheit nie stabil ist. Ein Bild, das auf der Leinwand Form annimmt und sich im Blick des Betrachters weiter verwandelt.
Den ersten Anstoß für diese Sprache bekam ich beim Malen von Tango Metropolitano: Ich versuchte, die Bewegung und Verbundenheit, die nur in dem Augenblick existieren, in dem sie geschehen. Die traditionelle Malerei reichte mir nicht mehr. Die Inspiration kam aus der Struktur digitaler Bilder — den Pixeln — die ich mit der Zeit in eine persönliche Sprache aus Öl, Farbe und Absicht verwandelt habe. Im Fragment multiplizieren sich die Möglichkeiten.


Ich arbeite an verschiedenen Serien, jede auf einem anderen Register der Freiheit: Freedom ist der Weg — von der verweigerten zur erkämpften Freiheit, außen und in uns selbst. Metropolitan erkundet die gegenseitige Verwandlung zwischen Menschen, Räumen und der Stadt — und die vitale Energie, die dabei frei entstehen kann. Soul Mirrors untersucht, durch extreme Nahaufnahmen des Gesichts, die unendlichen Nuancen des menschlichen Wesens und unsere Durchlässigkeit gegenüber anderen — wie Blicke sich begegnen, durchdringen und dabei verändern. Horizon, die innerlichste Serie, dringt bis an die Grenze der Öffnung vor dem Unendlichen vor. Le Cassette und The Moons tragen diese Forschung in das Objekt selbst: Der Behälter wird zum Werk, das Werk zum Behälter. In Auftragsporträts wird die Person in ihren gleichzeitigen inneren Facetten zurückgegeben.

Meine Malerei tritt mit der Tradition in Dialog, ohne sie zu wiederholen — das Mediterrane Mosaik, Cézanne, die Expressionisten — um zu einer zeitgenössischen Synthese zu gelangen: In den Fragmenten liegt mehr Wahrheit als in der ganzen Form.

Es gibt etwas, das meine Hand immer geleitet hat, jenseits bewusster Entscheidungen. Ich glaube, dass jeder Mensch unendliche Nuancen in sich trägt: eine innere Komplexität, die sich nicht auf eine einzige Definition reduzieren lässt. Und ich glaube, dass wir alle Teile desselben Ganzen sind — verbunden, unauflöslich, auch wenn wir es nicht wissen. Wenn ich ein Gesicht, eine Figur, eine Geste oder die Landschaften einer Metropole male, möchte ich diese doppelte Komplexität malen — das Unendliche in jedem von uns, und das Unendliche, das uns verbindet. Das Fragment enthüllt.
In einer Zeit, die beschleunigt, vereinfacht, spaltet und verflacht, schlagen diese Werke das Gegenteil vor: Komplexität als Wert, Widerspruch und Vielfalt als Reichtum, das Fragment als Möglichkeit, das Teilen als Vollendung. Meine Kunst bietet einen Raum, in dem innere Komplexität so anerkannt wird, wie sie ist, und wer schaut, kann sich in seiner Ganzheit willkommen fühlen — Widersprüche eingeschlossen.

