Manche Bücher setzen schon beim Lesen etwas in uns in Bewegung – und wirken weiter, lange nachdem wir sie zugeklappt haben. Genesi von Elena Testi war für mich eines dieser Bücher.
Ich begann es zu lesen, weil ich kurze Zeit später die Buchvorstellung in der Palazzina Azzurra in San Benedetto del Tronto moderieren sollte, im Rahmen der Reihe Incontri con l’autore „Mimmo Minuto“, organisiert von der Associazione I Luoghi della Scrittura. Zugleich würde ich Elena Testi kennenlernen und mit ihr über ihr Buch sprechen. Ich wollte gut vorbereitet in diesen Abend gehen, ihre Recherche wirklich verstehen, der Geschichte folgen, die sie erzählt, und Fragen finden, aus denen ein echtes Gespräch entstehen konnte.

Wenn ein Buch in einem weiterwirkt
Doch mit jeder Seite ging Genesi weiter über diesen ursprünglichen Anlass hinaus. Was ich las, kam mir immer näher und löste Gedanken, Gefühle und Fragen aus, die auch mit mir selbst und mit meinem Blick auf die Welt zu tun hatten.
Ich begegnete einer Wirklichkeit, die ich vielleicht geahnt hatte, deren Tiefe und Brutalität mir aber in diesem Ausmaß nicht bewusst gewesen waren. Genesi führt in die Geschichten von Menschen und extremistischen Ideen und zeigt, wie Überzeugungen, Interessen, Geld und Macht ineinandergreifen, Jahrzehnte überdauern, Raum und Zustimmung gewinnen und schließlich in Entscheidungen münden können, die das Leben Tausender Menschen prägen. Am stärksten erschütterte mich dabei erneut die Fähigkeit des Menschen, anderen Menschen Leid zuzufügen – bis zu dem Punkt, an dem Grausamkeit akzeptabel, sogar begründbar erscheint, sobald das Gegenüber nicht mehr wirklich als Mensch wahrgenommen wird und sein Leben, sein Schmerz, selbst das Leben und der Schmerz unschuldiger Kinder, an Wert verlieren.
Durch die Augen eines Kindes
Diese Seiten begleiteten mich auch nach dem Zuklappen des Buches weiter. Sie brachten Fragen, Gefühle und Bilder mit sich. Eines davon drängte sich immer wieder besonders stark in den Vordergrund: die Augen der Kinder.

Ich dachte an Kinder, die mit den Folgen der Entscheidungen Erwachsener leben; an Augen, die Krieg, Gewalt, Zerstörung, Fanatismus und Angst sehen. Ich fragte mich, was sie wirklich sehen, was sie von dem begreifen können, was um sie herum geschieht, und welche Spuren ein solches Leid in ihrem Leben hinterlassen wird – ein Leid, das ausgerechnet von jener Erwachsenenwelt hervorgebracht wird, deren Aufgabe es sein sollte, sie zu schützen, sie beim Aufwachsen zu begleiten, ihnen Vertrauen zu vermitteln und ihnen Raum zu geben, um zu spielen, zu lernen, zu lieben und sich eine eigene Zukunft vorzustellen.
Und mitten unter diesen Kindern sah ich mein eigenes inneres Kind.
Ich erkannte es in jenem Teil von mir, der sich die Fähigkeit bewahrt hat, zu staunen, sich zu empören und Fragen zu stellen, wenn ein anderer Mensch verletzt wird; in dem Teil, der sich weiterhin eine andere Welt wünscht und gerade deshalb versucht, diese hier zu verstehen.
Von der Lektüre zur Malerei
Ich nahm ein Blatt Aquarellpapier und malte sie.
Die Farbe kam mit einer Kraft, an die ich mich noch genau erinnere: warme und kühle Rottöne, Orange, Gelb, dunkles, tiefes Violett. Auf dem Papier trafen die Farben aufeinander, überlagerten und vermischten sich, zerfielen in Fragmente. In der Bildsprache von Fragments on Paper fügten sich diese Fragmente im Gesicht des Kindes zu einer Struktur, die Augen und Züge formt; ringsum begann sich diese Ordnung zu lösen. Die Fragmente gingen in der Farbe auf, glühten auf, bis sie Feuer ahnen ließen, und schienen sich beinahe in dessen Rauch aufzulösen.


Das Bad rebelliert
Und dann ist da das Bad, die Rebellin des Hauses.
Während alles andere zen und minimalistisch wurde, sagte das Bad:„Entschuldigung, aber ich will leben!“
Also kam zwischen weißen Fliesen und einem eleganten blauen Streifen bis zum Spiegel Orange zurück – leuchtender, mutiger, mehr ich.




