Unseen. Was, wenn uns etwas entgeht?

Unseen von Assunta Cassa: Menschenmenge und schwarze Wölfin, Öl auf Leinwand mit dem Malmesser, 2026.

Alles begann mit einem Foto, das ich 2014 in Florenz aufgenommen habe. Schon damals stand für mich fest, dass ich eines Tages ein Gemälde daraus machen wollte. Es war eine ganz alltägliche Straßenszene: Menschen, die sich durch denselben Raum bewegen, jeder in seine eigenen Gedanken versunken und auf seinem eigenen Weg.

Unsere Wege kreuzen sich, wir streifen aneinander vorbei, manchmal begegnen wir uns, manchmal verlaufen unsere Wege einfach nebeneinander. Aber sind wir tatsächlich so weit voneinander entfernt? Ein Mensch, der an uns vorbeigeht, kann etwas von sich bei uns hinterlassen: einen Gedanken, ein Gefühl, eine Idee. Oder, wenn wir Pech haben, einen ordentlichen Ellenbogenstoß!

Es sind diese Begegnungen, auch die flüchtigen, die mich faszinieren und meine Arbeit an der Serie Metropolitan prägen. Mit dem Malmesser baue ich meine Bilder aus Farbfragmenten auf, die sich überlagern, ineinanderfließen und sich über Figuren und Stadtraum hinwegziehen. Mich reizt die Komplexität dieser Verflechtungen: wie jedes Detail zum Ganzen beiträgt und Grenzen durchlässig werden, ohne dass die einzelnen Identitäten verloren gehen.

Im Grunde ist es bei uns Menschen ähnlich: Jeder hat seine eigene Geschichte, und doch tragen wir alle ein paar Fragmente anderer Menschen in uns.

Detail aus Unseen: Figuren von hinten und im Profil verbinden sich mit den Farbfragmenten der Stadt.
Detail aus Unseen: eine langhaarige Figur von hinten zwischen anderen Menschen und Farbfragmenten.
Ein unerwarteter Störenfried

Ich war mit dem Gemälde schon mehr als zur Hälfte fertig, als ich endlich auf eine kleine innere Stimme hörte, die mir seit einiger Zeit keine Ruhe ließ. Sie drängte mich dazu, etwas hinzuzufügen, das das Gleichgewicht der Szene durcheinanderbringen würde. Etwas Unerwartetes, vielleicht sogar Unbequemes. Wie ein Steinchen im Schuh.

Ich entschied mich für ein wildes Tier: einen Wolf. Wobei es für mich eine Wölfin ist. Über das Geschlecht dürft ihr natürlich selbst entscheiden.

Nahaufnahme der schwarzen Wölfin in Unseen mit gelben Augen, Schnauze und sichtbarer Malmesserstruktur.

Aber warum ausgerechnet ein Wolf? Warum kein Hund, keine Katze, kein kleines Käuzchen, kein Strauß oder ein Jaguar?

Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Es war einfach das erste Tier, das mir in den Sinn kam. Manchmal treffe ich beim Malen Entscheidungen, die ich selbst noch nicht erklären kann. Die Gründe erschließen sich mir erst später, vielleicht dann, wenn ich anfange, mich mit dem auseinanderzusetzen, was ich auf die Leinwand gebracht habe.

Ein paar Gründe fallen mir inzwischen allerdings ein. Sogar mehr als nur ein paar.

Der Wolf verkörpert jene Wildheit, die wir seit Jahrhunderten auf Abstand zu halten versuchen, indem wir Zäune, Straßen und hell erleuchtete Städte bauen. Und doch hat er einen festen Platz in unserer Vorstellungswelt: als bedrohliche Gestalt aus Märchen, als Sinnbild für Gefahr und Grausamkeit, aber auch für Stärke, Freiheit und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur.

Merkwürdig, oder? Wir fürchten ihn und sind gleichzeitig von ihm fasziniert. Vielleicht macht gerade dieser Widerspruch ihn zu einem so interessanten Gast in meiner gemalten Stadt: eine Präsenz, die Angst, Neugier, Faszination oder Respekt auslösen kann, je nachdem, wer sie betrachtet.

Der Wolf und unser soziales Wesen

Und wenn man genauer darüber nachdenkt, ist der Wolf ein soziales Tier, genau wie wir. Jetzt wird es interessant …

Wölfe leben in Familienverbänden, knüpfen Bindungen, arbeiten zusammen und kümmern sich umeinander. Von wegen böser Wolf!

Und wir? Wir haben überfüllte Städte gebaut, unzählige Möglichkeiten zur Kommunikation erfunden und sind praktisch mit der ganzen Welt vernetzt. Trotzdem fällt es uns manchmal schwer, auch nur ein paar Worte mit dem Menschen neben uns zu wechseln.

So stehen sich in der Menschenmenge von Unseen plötzlich zwei soziale Arten gegenüber. Die eine hat die Städte erobert. Die andere steht einfach da, sieht uns an und scheint nicht im Geringsten daran zu denken, um Erlaubnis zu fragen.

Warum eine Wölfin?

Für mich ist dieses Tier allerdings eine Wölfin.

Vielleicht, weil ich eine Frau bin. Oder vielleicht, weil mir im Rückblick einige Bücher wieder einfallen, die ich vor Jahrzehnten gelesen habe. Eines ganz besonders: Die Wolfsfrau von Clarissa Pinkola Estés. Eines dieser Bücher, die einen ein Leben lang begleiten, selbst wenn man sich an die meisten Seiten längst nicht mehr erinnert.

Was mir davon besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die Vorstellung einer instinktiven, freien und schöpferischen weiblichen Natur, die wir allzu oft zu zügeln lernen, um den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Ein Teil von uns, den wir eine Weile zum Schweigen bringen können, der aber glücklicherweise die lästige Angewohnheit hat, sich irgendwann wieder zu Wort zu melden.

Und das gilt auch für euch, liebe Männer! Ihr wollt uns Frauen doch wohl nicht das Monopol auf Instinkt, Freiheit und Kreativität überlassen?

Wer weiß, vielleicht ist meine Wölfin genau so entstanden: aus einer fernen Erinnerung, die sich ihren Weg durch viele andere gebahnt hat, bis sie schließlich auf der Leinwand wieder auftauchte. Schließlich weiß ich beim Malen nicht immer sofort, warum ich mich für etwas Bestimmtes entscheide. Manchmal erkenne ich erst hinterher die Fäden, die diese Entscheidung mit meiner eigenen Geschichte verbinden.

Das ist natürlich meine Interpretation. Die Wölfin kann jedem von uns etwas anderes erzählen. Und mir gefällt der Gedanke, dass jemand in ihr vielleicht sogar etwas entdeckt, das ich selbst noch nicht gesehen habe.

Wer sieht hier eigentlich wen?

Als die Wölfin ins Bild kam, begann ich auch die anderen Figuren mit anderen Augen zu betrachten, jene Menschen, die tatsächlich in diese Stadt gehören. Manche schauen auf ihr Handy, andere sind mit Fotografieren beschäftigt, wieder andere blicken woandershin. Und wer eine Sonnenbrille trägt, lässt sich ohnehin nur schwer in die Karten schauen.

Detail aus Unseen: Eine Person fotografiert, während andere Figuren Sonnenbrillen tragen.
Detail aus Unseen: Ein Mann telefoniert, während andere Figuren fotografieren.

Die Wölfin dagegen blickt uns mit ihren gelben Augen direkt aus dem Bild heraus an. So selbstbewusst, als wollte sie uns fragen, was wir denn eigentlich so Interessantes zu sehen haben.

Und ringsherum scheint niemand etwas bemerkt zu haben. Ein Wolf mitten in der Menschenmenge, und niemand nimmt auch nur Notiz davon!

Die Wölfin sieht uns, aber niemand scheint sie zu sehen.

Größerer Ausschnitt aus Unseen: Die schwarze Wölfin blickt den Betrachter an, umgeben von Menschen im Stadtleben.

Ist diese Umkehrung nicht merkwürdig? Das wilde Tier, von dem wir am ehesten eine böse Überraschung erwarten würden, scheint das einzige Wesen zu sein, das direkten Kontakt zu uns aufnimmt.

Da frage ich mich: Braucht es tatsächlich einen Wolf, um unsere Aufmerksamkeit zu wecken? Wie viele Dinge, wie viele Menschen gehen direkt an uns vorbei, ohne dass wir sie wahrnehmen? Und vor allem: Erkennen wir den bösen Wolf überhaupt noch, wenn er direkt vor uns steht, vielleicht gut gekleidet und mit einem vertrauenerweckenden Lächeln, bevor es zu spät ist?

Vielleicht liegt das Problem manchmal einfach darin, aus welcher Entfernung wir die Dinge betrachten. Dabei fällt mir etwas ein, das ich beim Malen ständig tue: Ich trete ein paar Schritte von der Leinwand zurück, um das Gesamtbild zu betrachten, Fehler zu entdecken oder zu erkennen, wie die einzelnen Elemente zusammenspielen – etwas, das aus der Nähe nicht immer gelingt.

Es ist ein ständiges Näherkommen und Zurücktreten, fast wie ein Tanz. Und ich stelle mir gern vor, dass dieses Wechselspiel auch in meiner Bildsprache seinen Ausdruck findet: Aus der Nähe ziehen die Farbfragmente den Blick auf sich, während sich aus größerer Entfernung die Figuren wieder zu einem Ganzen fügen und Beziehungen sichtbar werden, die wir zuvor nicht erkannt haben.

Vielleicht würde es uns auch im Leben manchmal guttun, ein paar Schritte zurückzutreten, um besser zu erkennen, was direkt vor unseren Augen liegt. Vorausgesetzt natürlich, wir sind bereit, wirklich hinzusehen.

Unseen. Noch einmal hinsehen

Da steht sie also, meine Wölfin, mitten in der Menschenmenge, und scheint sich dort ganz wohlzufühlen. Was sie mitten in der Stadt zu suchen hat, ist nach wie vor unklar. Aber wen sie beobachten möchte, scheint sie ganz genau zu wissen.

Und ich? Obwohl ich sie gemalt und so viel über sie nachgedacht habe, entdecke ich jedes Mal etwas Neues, wenn ich sie betrachte. Vielleicht ist es genau das, was ich an der Malerei so liebe: Ein Bild kann uns noch lange etwas erzählen, nachdem wir die Pinsel aus der Hand gelegt haben. Oder in meinem Fall das Malmesser.

Und ihr? Habt ihr die Wölfin sofort entdeckt? Und jetzt, nachdem ihr ihrem Blick begegnet seid: Seid ihr euch wirklich sicher, dass sie diejenige ist, die ihr im Auge behalten solltet?

Unseen, 2026 | Öl auf Leinwand, mit dem Malmesser gearbeitet | 80 × 120 × 3,5 cm | Serie Metropolitan

Assunta Cassa

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